Habe leider keine Waage dabei, um genau nachzumessen, wieviel Kilogramm Material ich mit mir rumschleppen werde. Aber ich schätze mal, irgendwas zwischen 12 und 15 Kilogramm werden es wohl schon sein. Vielleicht mache ich erstmal schnell eine Materialliste, damit ihr wisst, was sich da so alles angesammelt hat:
- Canon EOS 5D Mark II mit 32GB CompactFlash-Karte
- Batteriegriff mit zweitem Akku
- Canon EF 50mm/1.4
- Canon EF 100mm/2.8 Macro
- Canon EF 16-35mm/2.8
- Canon EF 70-200mm/2.8 IS
- Canon EF 2x Tele-Konverter
- 82mm VariND Filter mit Reduzierringen
- 3"-Displaylupe
- Zoom H4n Audiorecorder
- Manfrotto Stativ 190B
- Manfrotto Stativkopf 029
- 60cm Igus-Schiene mit 15cm Kameraslider
- GoPro HD Kamera mit Gehäuse und Halterung
Der kritische Leser wird völlig zurecht feststellen, dass ich damit erfolgreich das schöne, weiche Morgenlicht verpasst habe. Meine Ausrede: Ich bin auch nur Mensch und habe schließlich Urlaub. Warum also derartig Stress machen für ein reines Hobby-Vorhaben? Außerdem erwacht das geschäftige Treiben in dieser Stadt ohnehin erst ab 9:00 Uhr so richtig. Trotzdem, ihr habt natürlich recht und deshalb geht es jetzt auch endgültig los, hauruck.
Ich bin der Meinung, dass Totalen schnell gedreht sind, weniger schwierig sind. Also erstmal auf Pirsch nach schönen Großaufnahmen und Details gehen. Und als ich einen guten Standpunkt gefunden habe, von dem aus ich eigentlich einige schöne Aufnahmen machen könnnen sollte, stelle ich plötzlich fest, dass ich schon wegen meiner Statur ziemlich auffalle. Kein Gedanke an unbeobachtetes Fotografieren oder gar Filmen. Und dabei habe ich noch nichtmal mein Equipment ausgepackt. Die Kamera mit großem Tele-Zoom und Verdoppler dürfte für noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit sorgen. Riesige Kamera, riesiges Objektiv, ein Stativ, ein Kameraslider, ein großer Fremder. Denkbar ungeeignet für die Beobachtung des Alltags, auch nach einer halben Stunde noch wird mehr oder weniger alles was ich mache oder nicht mache beobachtet und wahrgenommen.
Hm, das hatte ich mir ein wenig anders vorgestellt und auch von früheren Reisen etwas anders in Erinnerung. Mag daran liegen, dass den Menschen hier in Kathmandu damals die Fotografie noch ziemlich fremd war. Heute besitzt hier praktisch jeder mindestens ein Handy mit eingebauter Kamera. Alle wissen, was man mit Foto-Gerätschaften macht. Außerdem sind Jugendliche zunehmend daran interessiert zu sehen, was man denn da genau für Fototechnik hat und benutzt. Also wird man relativ schnell umringt von neugierigen Augenpaaren.
Auf meinen früheren Fotoreisen hatte ich mir einen recht guten Jagdinstinkt inkl. guter, schneller Taktik beim Schießen der Beute angeeignet. Ich denke, wenn ich jetzt fotografieren wollte, könnte ich mit der selben Herangehensweise durchaus wieder sehr schöne, ungestellte, dokumentarische Aufnahmen machen. Dummerweise ist es aber so, dass sich bei der Fotografie letztlich alles in einem Zeitraum von 1/2000s bis vielleicht maximal 1/60s abspielt. Beim Filmen dauert eine Einstellung nunmal naturgemäß deutlich länger. Keine Chance also, aus einer scheinbar uninteressierten Situation heraus die Kamera schnell hochzureißen, zu fokussieren, Bild zu kadrieren, abzudrücken und wieder abzusetzen. So sitze ich also unverrichteter Dinge mit meinem ganzen HighTech-Equipment da und grüble nach, wie ich damit umgehen soll.
Letztlich endet die Situation so, dass ich mitsamt meinem ganzen Kram den Rückzug antrete und an anderer Stelle nochmal einen neuen Anlauf nehmen will. Vielleicht habe ich Glück und finde ein Plätzchen an dem ich nicht für so viel Aufsehen sorge und etwas unbeobachteter zu Werke gehen kann. Leider ist aber auch dieser zweite Anlauf nicht von Erfolg gekrönt.
Um nicht den gesamten Tag mit erfolglosen Anläufen zu vertrödeln beschließe ich letztlich, mich erstmal auf "tote Motive", also z.B. kleine Figuren an Tempeln zu konzentrieren. Die können schließlich nichts dagegen haben, gefilmt zu werden. Also schwupps ins Taxi geklemmt und zur Stupa von Swayambunath kutschiert. Nach einem etwas anstrengenden Treppenaufstieg erreiche ich die wunderschöne Tempelanlage, die westlich von Kathmandu auf einem Hügel gelegen ist. Mittlerweile ist es schon Mittag geworden und wahre Horden von Touristen, Reisegruppen aber auch Nepali tummeln sich in der relativ kleinen Anlage. Soll mich aber keinesfalls davon abhalten, endlich mein Equipment zum Einsatz zu bringen. Natürlich passe ich beim Aufbau schon ziemlich auf, dass die blitzschnellen und reichlich kleptomanisch veranlagten Affen (und ja, ich meine wirkliche Affen die diesen Hügel bevölkern) bei mir nichts abgreifen können.
Die Ursprünge dieser Tempelanlage reichen immerhin zurück bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. als an dieser Stelle ein hinduistisches Kloster gegründet wurde. Im 7. Jh. n. Chr. machte sich hier dann auch der Buddhismus breit, sodass die Anlage bis heute sowohl für Hindus, als auch für Buddhisten eine heilige Stätte ist, von der aus man im Übrigen einen hervorragenden Panoramablick über das gesamte Kathmandu-Tal hat. Rund um die Stupa gibt es hunderte Gebetsmühlen ... und auf genau die habe ich es für den Anfang abgesehen. Die Stupa wird immer im Uhrzeigersinn umrundet, auch die Gebetsmühlen werden immer im Uhrzeigersinn gedreht. Also werde ich auch die Kamerafahrt auf dem Slider entsprechend von rechts nach links anlegen. Bin gespannt, habe ja leider nur maximal 45cm Wegstrecke für die Fahrt. Ob das reichen wird?
Ich schraube also zuerst den Stativkopf vom Stativ, dann den Kameraslider auf das Stativ, dann den Stativkopf auf den Slider. So wie der Kram jetzt zusammengebaut ist, lässt er sich einfach schlecht transportieren. Ist halt einfach ein wenig zu sperrig auf die Weise. Aber ok, nu steht das ja erstmal. Jetzt Kamera rausholen, 100mm/2.8 Macro montieren und das 70-200mm/2.8 inklusive dem Verdoppler wegen der Affen sofort ordentlich im Rucksack verstauen. Dann die Schnellwechselplatte unter die Kamera schrauben, war vorher am Objektivring des 70-200mm befestigt. Und jetzt noch den VariND-Filter auspacken und mit dem passenden Reduzierring für das 100mm Macro versehen. Hatte ich schon erwähnt, dass eine Displaylupe auch sehr hilfreich ist? Zack, schon ist sie aufgesteckt und ich kann endlich das Bild ordentlich beurteilen. Jetzt Stativ und Slider so ausrichten, dass die Fahrt wie gewünscht funktionieren könnte. Kamera mit Stativkopf wie gewünscht ausgerichtet. Anschließend Belichtung gemessen bzw. via VariND eingestellt und zuletzt noch am Endpunkt der Fahrt die Schärfe an die gewünschte Stelle gelegt. Allein für diese eine Einstellung habe ich bisher rund 5 Minuten reine Vorbereitungszeit gebraucht und noch keine Sekunde gedreht. Und während ich so versuche, eine saubere, ruckfreie Sliderfahrt hinzukriegen (noch ohne Aufzeichnung), merke ich, wie hoch doch eigentlich der verflixte Schwerpunkt über dem Slider liegt. Gar nicht so einfach, mit der einen Hand das Stativ festzuhalten und mit der anderen direkt am Schlitten eine saubere Fahrt zu "schieben" oder zu "ziehen", ohne dass der mächtige (insbesondere auch schwere) Aufbau ins wanken bzw. wackeln kommt.
Egal, wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts. Also Aufzeichnung gestartet und gleich mehrere Kamerafahrten gemacht. Unabhängig davon, dass ich auch mehrere Anläufe brauchte, kamen natürlich auch immer mal wieder Leute bzw. deren Hände im falschen Augenblick ins Bild, um die Gebetsmühlen zu drehen. Ich würde mal grob geschätzt sagen, dass diese eine Einstellung Alles in Allem zwischen 8 und 10 Minuten gedauert hat. Eine Einstellung, die in einem potentiellen Dokumentarfilm vielleicht 5 Sekunden tragen würde, wenn überhaupt. Und prompt erwische ich mich beim Hochrechnen. Die Forschungsgruppe Martin hat in ihrer Sonntagsfrage ermittelt, dass ich auf diese Weise in 8 Stunden ohne Pause und inklusive Motivsuche mit gutem Willen 3 bis 4 Minuten "Film" pro Tag produziert bekomme. Wow, das würde bei straff organisiertem Programm und konstant drehtauglichem Wetter mindestens 2 Wochen reine Dreharbeit für eine 45-Minuten Doku bedeuten. Halleluja! In den selben 2 Wochen könnte ich mit reiner Fotografie sicher locker eine 4-5 stündige Diashow fotografieren (wird nicht passieren, versprochen).
Ok, Lerneffekt ist eingetreten. Der abendfüllende Urlaubsfilm auf höchstem filmischen Niveau entfällt vorerst. Trotzdem ist damit der Drehtag für mich nicht beendet. Ich mache trotzdem weiter und filme noch diverse Einstellungen auf der Anlage, probiere verschiedene Dinge auch mit unterschiedlichen Objektiven aus. Am Ende, nach etwa 5 Stunden Swayambunath, habe ich knapp 5GB Video gedreht, 15'14" Rohmaterial insgesamt in 27 Takes. Bei ganz realistischer Betrachtung würden es davon maximal 30" in die Endfassung eines Filmes schaffen. Ganz schön ernüchterndes Drehverhältnis. Aber hey, ich bin diesbezüglich am Anfang. Tapfer bleiben und durchhalten ist immernoch die Devise.
Zwei Dinge noch:
- Gedanklich war ich heute so mit dem Videodreh beschäftigt, dass ich keine Sekunde daran gedacht habe, auch noch mit dem Zoom H4n Audiorecorder ein wenig gute Atmo aufzuzeichnen, für alle Fälle.
- Ich bin den Tag über mit 2 frisch geladenen Akkus in der Canon EOS 5D Mark II völlig problemlos klargekommen. Ob die 2 Akkus auch reichen, wenn ich mal ein wenig effektiver (mehr) drehen würde?
Um das heutige Drehverhältnis noch ein wenig zu pushen, schnappe ich mir am späten Nachmittag ein kleines Taxi, klebe nach kurzer Rückfrage das Klebepad für meine GoPro HD Kamera auf die Motorhaube, stecke die Kamera auf und richte sie grob ein. Dann Aufnahme gedrückt und losgedüst. Eine knappe Stunde durch Kathmandus Straßen und Gassen.
Herrlich, keiner bemerkt die Kamera und ich kann auf einfache Weise ein wenig vom normalen Leben in Kathmandu festhalten, ganz ohne Mühe. Zwei längere Videos werde ich praktisch unbearbeitet auf Youtube hochladen. Keine Musik, kein Schnitt, einfach so wie es die Kamera festgehalten hat. Hoffe, ihr werdet Freude daran haben.
Jetzt, wo der Tag zu Ende geht und ich in meiner Lodge sitze und in angenehm kühler Abendluft ein paar tibetische Momos futtere und einige Lemon Soda trinke, hätte ich eigentlich ausreichend Grund, ein wenig frustriert zu sein. Insbesondere wenn ich an diese wunderbaren DSLR-Kurzfilme auf Vimeo denke, neige ich auch etwas zur Resignation. Aber andererseits habe ich heute wirklich eine ganze Menge durchaus auch im positiven Sinne dazugelernt. Möglicherweise hilft es schonmal, wenn man sich vor Beginn des Drehtages darauf beschränkt, nur 2 Objektive mit auf die Tagestour zu nehmen. Zumindest solange man als One-Man-Show unterwegs ist. Vielleicht zeichnet man Atmos auch besser an einem ganz anderen Tag auf. Der Schwerpunkt beim Kameraslider muss tiefer liegen, also das nächste Mal dann doch ohne Batteriegriff und definitiv ein kompakterer Stativkopf. Und was das Stativ selbst angeht: Herrjeh, ich wäre wirklich froh, wenn ich mein großes Videostativ mitgenommen hätte. Es ist zwar deutlich größer und schwerer als das Manfrotto 190B, aber dafür steht es dann auch wie festbetoniert und ich muss es bei einer Kamerafahrt nicht festhalten. Wenn ich es dann bloß nicht den ganzen Tag rumschleppen müsste. Ein Teufelskreis.
So, die Momos waren sehr lecker, die Lemon Soda werden mich hoffentlich wieder ein wenig aufpeppeln. Der erste Drehtag ist am Ende und ich auch. Ich hoffe, dass ihr aus meiner Schilderung etwas für eure ersten DSLR-Video Versuche mitnehmen könnt. Es ist ein weiter Weg von "schöne Videos auf Vimeo anschauen" bis zum selbermachen. Wenn ich euch mit meinen Ausführungen ein paar Meter steinigen Weg erspare, dann war es schon die Tipperei wert. Alles was ich momentan sagen kann: Ich will mit DSLRs Video drehen und ich werde meinen Weg finden.
Gute Nacht und Namaste aus Nepal.
PS: Falls ihr an ein paar mehr Details zu den Schwierigkeiten beim Drehen mit DSLR-Kameras interessiert seid, dann schaut auch mal den folgenden Artikel an:
http://www.tutorials.de/content/1103...stgemacht.html



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