tutorials.de Buch-Aktion 05/2012
RSS-Feed anzeigen

Dem Dennis sein Blogdingen da...

Tod eines Dateisystems(?)

Bewerten
von Dennis Wronka am 28.07.08 um 11:42 (660 Hits)
In den letzten Monaten gab es immer wieder Meldungen ueber den Mord von Nina Reiser durch ihren Mann Hans Reiser, welcher in der Community fuer seine Arbeit an den nach ihm benannten Dateisystemen ReiserFS und Reiser4 bekannt ist.

Ich moechte an dieser Stelle nicht auf den Mord, den Prozess oder die Verurteilung selbst eingehen, zu diesem Thema gibt es schon hinreichend viele Berichte und in zumindest einigen Faellen sicherlich von Leuten die in dieser Hinsicht wesentlich kompetenter sind als ich.

Worauf ich aber eingehen will ist auf die Konsequenzen die diese "Geschichte" fuer die Dateisysteme nach sich ziehen koennte.

Erstmal ein wenig Vorgeschichte. Dazu moechte aber auch gleich loswerden dass es da Unstimmigkeiten geben kann, da ich die betreffenden Texte hierzu vor relativ langer Zeit gelesen habe. Ich meine aber dennoch in der Lage zu sein ein einigermassen treffendes Bild abliefern zu koennen.

Vorgeschichte
ReiserFS scheint auf der Linux Kernel Mailing Liste (Archiv: http://www.lkml.org) immer wieder fuer Furore und hitzige Argumentation gesorgt zu haben. So viel dass Hans Reiser im Falle von Reiser4 den Hauptgrund zur Nichtaufnahme in den Kernel scheinbar darin sieht dass die "grossen Tiere" im Kernel-Bereich ihn schlichtweg nicht moegen.
Was und wie viel da nun dran ist sei mal dahingestellt und soll auch hier nicht weiter eroertert werden.
Fakt scheint aber zu sein dass Reiser sich mit seinem Code nicht unbedingt beliebt gemacht hat, denn dieser soll, wenn ich mich recht entsinne, wohl urspruenglich fernab jeder Kernel-Standards geschrieben wurde.

Zudem gab es bei ReiserFS (also Version 3) wohl das Problem dass zum Zeitpunkt der Initiierung von Reiser4 mehr oder weniger alle Arbeit an der Vorgaengerversion eingestellt wurde, obwohl scheinbar noch einiges bemaengelt wurde.

Reiser4 hat es, wahrscheinlich aufgrund verschiedenster Gruende, nie in den Standard-Kernel geschafft und ist somit der Masse an Usern praktisch nicht verfuegbar. Der Aufwand der Kernel zu patchen, zu konfigurieren und neu zu kompilieren duerfte hier fuer viele User abschreckend wirken.
Und selbst wenn man diesen Weg einschlaegt hat man immer noch das Problem dass man die Root-Partition (welche ja bei dieser Aktion benoetigt wird) nicht so einfach auf Reiser4 migriert bekommt.

Ein paar Probleme werden auch in den eingangs verlinkten Wikipedia-Artikeln angesprochen.


Aktuelle Entwicklungen
ReiserFS scheint bisher bereits stark unter dem Prozess gelitten zu haben. Reisers Firma Namesys ist, entgegen anfaenglicher Aussagen, scheinbar dem Untergang geweiht oder bereits am Ende.
Auf diversen Seiten (z.B. hier auf Wikipedia) gibt es folgenden Kommentar eines ReiserFS-Entwicklers und Namesys-Angestellten zu lesen:
"Commercial activity of Namesys has stopped."
Dies bedeutet meiner Meinung nach das Ende fuer Namesys, auch wenn ich mich da natuerlich irren kann.

Diese beiden Artikel, A ReiserFS Without Hans Reiser und ReiserFS Without Hans Reiser, Continued, suggerieren dass die Arbeit noch fortgesetzt wird. Die Artikel sind nunmehr 3 Monate alt, wie viel hat sich in der Zwischenzeit an ReiserFS getan?
Ich glaube nicht viel. Die aktuellsten Files zu ReiserFS (sowohl 3 und 4) liegen mittlerweile auf kernel.org (ReiserFSProgs, Reiser4Progs und Reiser4 Kernel-Patches) aber sind auch von April, wenn nicht sogar aelter da dort wahrscheinlich lediglich das Datum vorgehalten wird an dem die Files eben dort abgelegt wurden.

Davon abgesehen gehe ich davon aus dass in der Kernel-Community niemand wirklich die Zeit hat und/oder gewillt ist sich mit dem ReiserFS-Code zu beschaeftigen, und die Namesys-Programmieren die doch noch weitermachen (woll(t)en) duerften sich wohl auch eher auf Reiser4 konzentrieren.

Zudem hat Suse, zuvor wohl der groesste Supporter von ReiserFS, bereits vor einigen Versionsnummern zu ext3 gewechselt. Die grossen Distributionen duerften somit wohl nun alle ext3 nutzen.

Und jetzt?
Was kann man nun erwarten? ReiserFS (3) wird scheinbar nicht mehr gepflegt, was User und vor allem Distributoren davon abhalten duerfte auf diese Version zu setzen.
Reiser4 hingegen hat die Aufnahme in den Standard-Kernel noch immer nicht geschafft und wird somit wohl kaum auf User-PCs landen.

Sind ReiserFS und Reiser4 vom Aussterben bedroht?
Ich glaube schon. Persoenlich find ich es schade dass es so kommt, denn ReiserFS, wenngleich es sicher nicht perfekt ist, ist und war ein innovatives FS.
Reiser4, nach allem was ich so gelesen hatte, hat sich auch sehr interessant angehoert, auch wenn ich zugeben muss dass ich nie die Zeit gefunden habe es zu testen.

Die Zukunft wird somit wohl ext4 gehoeren, denn auch andere interessante Dateisysteme wie z.B. XFS und JFS finden nicht sehr viel Beachtung beim Nutzer, vor allem wohl auch weil eben die grossen Distributionen "den Takt angeben" und auf ext3 setzen. Dabei sind XFS und JFS, meiner Meinung nach aber vor allem XFS, durchaus interessante Alternativen (siehe auch hier).

Es bleibt abzuwarten ob denn doch noch was "im Falle ReiserFS" passiert. Wie man so schoen sagt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Ich bin aber auch der Meinung dass man nicht zu viel hoffen sollte.

Zu guter Letzt moechte ich noch anmerken dass ich mir zur Zeit Gedanken darueber mache ob ich den ReiserFS-Support (also ReiserFS als Root-FS) aus EasyLFS entferne.
Dies hat keineswegs etwas mit der Verurteilung Reisers zu tun als vielmehr damit dass es scheint als haette ReiserFS Probleme mit SELinux.
Ich werde damit etwas rumtesten und dann zu einer Entscheidung kommen.
Mehr dazu werde ich in Kuerze auf der EasyLFS Projektseite posten.

"Tod eines Dateisystems(?)" bei Twitter speichern "Tod eines Dateisystems(?)" bei Facebook speichern

Kategorien
Linux

Kommentare