Die Kunst, OK zu drücken II
von chmee
am 06.11.09 um 10:36 (1140 Hits)
Die Kunst, OK zu drücken
Ein Kurzessay über das Helfen, Helfenlassen und nicht Selbermachen wollen.
Letztens hab ich unter gleichem Titel eine Software vorgestellt (Sketch2Photo), welche beim Umsetzen von Scribbleideen behilflich ist. Dabei behagte mir nicht, dass man für Krickelkrackel eine -zwar nur halbgare, aber für viele ausreichende- Komposition erstellt wird. Für die Ideensuche oder in Verbindung mit dem Kunden eine tolle Sache, wenn es nicht dabei bliebe, ausschließlich nur jenes Ergebnis zu benutzen. Klar ist, dass auch die Programmierer ihre Software zum Perfektionismus treiben werden, die Masken besser, die Auswahl sehr viel passender..
Was mich aber noch mehr wurmt, ist die Schlagkraft des Titels. Wie oft muss ich lesen, dass OneClick-Lösungen gesucht werden? Meistens wird nach "dem einfachsten Weg" gesucht. Nein, nicht meistens, so gut wie immer. Wie wäre es denn, wenn nach dem besten Ergebnis gefragt wird? Es bedeutet ja nicht, dass der ergebnisorientierte Weg nicht auch zu den schnellen Lösungen gehört.
Vermögen (die eigene Fähigkeit, Können, Kunst) steht leider zu selten auf dem eigenen Pflichtzettel. Oder ist das Vermögen, OK zu drücken, ausreichend, um sich als Könner einzustufen? Oh, ich hörs schon raunen..
Die Idee zählt, und wenn das Ergebnis gut aussieht, ist der Weg dorthin doch nur nebensächlich.
Ist es wirklich so? Oder bin ich nur fortschrittsfeindlich, weil ich die Einfachheit der technischen Werkzeuge nicht im Prinzip des Könnens unterbringen möchte? Die Diskussion haben die Typosetzer im Buchdruck, die klassischen Fotografen, die sich noch mit Chemikalien und abwedeln beschäftigen mussten oder auch die Kaufmänner, die den Taschenrechner erst bei statistischen Erhebungen gezückt haben, geführt. Bin ICH also altmodisch, konservativ?
Mit dem großgesellschatlichen Boom des Handy ging jedenfalls das Vermögen flöten, einfache siebenstellige Nummern im Gedächtnis zu verankern. Zuvor war es ein einfaches, mal schnell den besten Freund anzurufen, inzwischen schaut man ins Adressbuch des Mobiltelefons und klickt OK. Die Nummer kriegt man zu sehen, wenn man noch einen weiteren Moment hinschaut, aber wozu?
Panoramas stitchen, HDR-Kontrasterweiterungen, VanGogh-Pinselstil, Codesnippets für Orthodrome (Dank an Matthias) und fertige Datenbank-Applets für den eigenen Blog. Ok Ok Ok Ok.. Einfacher machen ja, man muss das Rad nicht zweimal erfinden, aber keine Ahnung haben? Tut das nicht irgendwann weh? Fängt man nicht an, schlecht zu schlafen, weil die eigenen Türme, die man sich erschaffen hat, aus den Steinen der Anderen erbaut ist?
Im Grunde bedauere ich nur, dass im Großen und Ganzen das Interesse fürs Lernen verloren geht - das eigene Wissen zu erweiteren. Natürlich leide ich auch darunter, nicht nur, weil ich mit solchen Fragen konfrontiert werde (und oft genug beim kleinen 1x1 anfangen muss), sondern auch, weil meine Synapsen anfangen, sich an den Wohlstand des OK-Drückens zu gewöhnen.
Das Vermögen (Kunst,Können), OK zu drücken.
Danke fürs Lesen.






